Ehrlich gesagt, etwas Respekt hat man schon, so Autoritätsfiguren der anti-autoritären Szene wie Jule Nagel oder Marco Bras dos Santos zu kritisieren. Aber manchmal muss es eben doch sein. Denn anscheinend wollen sie Migrant:innen in Connewitz gegen Kritik immunisieren.
Am 23.06 veröffentlichte Marco Bras dos Santos auf La-Presse den Artikel »Ist Connewitz rassistisch? – Zu Gast in der „Pause“«1 und Jule Nagel auf ihrem Blog den Artikel »Connewitz, der Haussegen hängt schief.«2
Natürlich geht es mir auch nicht darum die Kleinunternehmer des Lazy Dogs gegen den anderen der Pause zu verteidigen. Aber vielleicht sollte man eher den Blick auf die Leute richten, die sich die gestiegenen Produktpreise nicht mehr leisten können und deswegen verdrängt werden.
Seien wir mal so nett und fangen mit dem Artikel von La-Presse an, da dieser wenigstens mehr Informationen enthält.
La-Presse Artikel
„Ugur: Ich sehe mich als Künstler. Von Spätverkäufen oder Immobiliengeschäften habe ich keine Ahnung. Wir arbeiten hart um zu überleben, die Kredite zu bedienen.“
Genau so sieht sich jede Kapitalist:in. Aber genau dahinter versteckt sich, dass eigentlich das Kapital durch diese Leute wirkt und sie sich bloß einbilden, Künstler:innen zu sein. Elon Musk sieht sich sicherlich auch großer Erfinder und Künstler und nicht als knallharter Kapitalist.
„Wir arbeiten hart um zu überleben, die Kredite zu bedienen. Die Miete unseres Salons steigt von Jahr zu Jahr – der Vertrag läuft noch ein paar Jahre und um in Zukunft die Miete zu ersparen haben wir die Immobilie in Connewitz gekauft“
„Der Druck im Lockdown, die Unsicherheit: Wie geht es weiter für mich und unsere Angestellten.“
Genau so geht es den meisten anderen Kapitalist:innen auch. Etliche große Firmen3 aber auch kleine Läden hier in Leipzig sind während Corona insolvent geworden. Für diese gibt es aber kein Mitleid, denn sie sind nicht migrantisch. Dort zeigt sich der Doppelstandard von Marco Bras dos Santos.
„Dazu die Sorge um meinen Schwager und Cousin, wovon einer ebenfalls abschiebebedroht ist – und zwingend eine Perspektive braucht.“
Wohin abschiebebedroht? Das wäre die entscheidende Frage in dem Artikel, die aber nicht beantwortet wird. Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man einfach abstiegsbedroht in die Türkei ist, oder in andere Länder, in denen deutlich schlimmere Bedingungen herrschen. Die Türkei ist ein wirtschaftlich starkes Land, Teil der G20 und besitzt die zweitgrößte Nato-Armee4. Da gibt es kein Recht, Kleinunternehmer:in zu sein und Gentrifizierung voran zu bringen, nur um dort nicht zu leben. Nehmen wir mal an, eine Deutsche versucht ihr Glück in den USA als Schauspielerin. Dann sollte sie auch nicht dort, wenn sie doch nicht erfolgreich ist und deswegen keine Greencard bekommt, Kleinunternehmerin werden können. Dass so eine Person nicht die Solidarität von Marco Bras dos Santos und Jule Nagel bekommen würde, zeigt bloß ihre Doppelstandards. Es zeigt sich auch ein starker Eurozentrismus nach dem bloß westliche Länder wohlhabend sind, was aber nicht der Realität entspricht. In den 70ern und 80ern nannte sich so etwas Dritte-Welt-Maoismus und war wenigstens links und radikal. Aber heutzutage versucht manche den Widerspruch, der anscheinend nicht zwischen Kapitalist:innen und Arbeiter:innen sondern zwischen Erster Welt und Dritter Welt (Zu der die Türkei übrigens in keinster Weise dazugehört) besteht, durch möglichst viel Migration aufzulösen. In bauchlinker Manier hat man dann nicht mal eine Theorie von diesem Verhältnis oder eine Idee, wie der Widerspruch durch Migration aufgelöst werden würde.
Artikel von Jule Nagel
„Ich weiß: Ich werde mir mit den folgenden Zeilen keine Freund*innen machen.“
In Connewitz vielleicht nicht, aber gesamtgesellschaftlich ist woker Kapitalismus gerade ziemlich in5, also passt der Artikel da ja sehr gut rein. Auch Antirassismus ist überhaupt nicht radikal, sondern wird an Schulen und in Team-Schulungen auf der Arbeit gelernt und von großen Firmen offensiv beworben. Das heißt natürlich nicht, dass Antirassismus erst einmal schlecht ist. Aber es sollte mal reflektiert werden, inwieweit dieser Klassenunterschiede ignoriert und staatstragend ist. Am Beispiel dieses Artikels zeigt sich, dass das Gerede von „Klassismus“ den Intersektionalismus kein bisschen voran gebracht hat.
„Und weiter, dass arbeitslos gewordene Familienmitglieder die Chance ergriffen haben, eine Erwerbsmöglichkeit mit einem eigenen Laden zu bekommen. Ebenfalls verständlich.“
Verständlich, aber genau wie der Kapitalismus funktioniert. Im Kapitalismus hält in den meisten Fällen niemand dem anderen eine Pistole an den Kopf, sondern das allermeiste funktioniert durch verständliches finanzielles Eigeninteresse und streng nach Gesetz. Aber genau dadurch läuft der Kapitalismus. Clemens Tönnies‘ Handeln ist verständlich, ein Bourgeois der die AfD aus Steuer-Gründen und anderem seinem Interesse entsprechenden Gründen wählt ist verständlich. Ein Mann, der seine Frau lieber die Hausarbeit machen lässt, ist verständlich und handelt bloß nach seinem Eigeninteresse. Das macht es aber nicht gut.
„Denn “auch” wenn Migrant*innen Kleinunternehmer*innen sind, verdienen sie linke, verdienen sie prinzipiell antirassistische Solidarität und Parteinahme.“
Nein. Die Gesellschaft basiert nicht auf Rassismus, sondern auf Kapitalismus. Und wer Rassismus bekämpfen möchte, muss auch Kleinunternehmer:innen bekämpfen. Generell sieht man hier wieder das in den Texten gezeichnete Weltbild: Migrant:innen und/oder Flüchtlinge, die nicht anders können als Kleinunternehmer:innen zu werden, weil sie nirgendwo anders einen Job bekommen. Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Für das Kapital lohnt es sich gar nicht auf die Dauer bei Einstellungen rassistisch zu diskriminieren. Dass Migrant:innen nicht nur die untersten Plätze der Gesellschaft belegen, ist im Alltag deutlich sichtbar. Dazu schreibt auch ein passendes Zitat aus der Rezension „Maximal Zahnlos“ aus der Jungle World über das Buch „Eure Heimat ist unser Alptraum“ von Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): „Die Beiträge stammen übrigens von Personen, die für Spiegel Online, Tagesspiegel, Taz und das Missy Magazine schreiben, deren Arbeiten mit gewichtigen Preisen bedacht wurden, deren Romane bei marktführenden Verlagen erscheinen oder die an einer Habilitation sitzen – und die sich dennoch als eine »Kollektivität« am Rande der deutschen Gesellschaft wähnen.“
„Gerade wenn er damit verbunden ist, Menschen mit Migrations- und Fluchtbiografie mit allen Mitteln zu verstehen zu geben, dass sie in Connewitz nicht erwünscht sind.“
Die Aktionen richteten sich nicht gegen „Menschen mit Migrantions- und Fluchtbiografie“, weil diese eine „Migrations- und Fluchtbiografie“ haben, sondern gegen Verdränger:innen und Polizeihelfer:innen. Solange sie nicht diese Rollen einnehmen, sind sie in Connewitz absolut willkommen. Aber sobald sie diese Rollen einnehmen gilt für sie das gleiche wie für alle anderen.
„Steine auf Läden, in denen Menschen stehen, die geflüchtet oder von Rassimus betroffen sind, stehen dem selbst so oft (und eben oft nur) demonstrierten offenen, antirassistischen Anspruch diametral gegenüber.“
Das ist einfach komplett falsch. So lange von Rassismus betroffene Menschen selber Täter:innen sind, ist es vollkommen in Ordnung diese anzugreifen. Was für die Grauen Wölfe gilt, gilt genauso für Kleinunternehmer. Selber Rassismus erfahren zu haben, macht einen nicht frei von jeder gesellschaftlichen Verantwortung. Am Beispiel des Sexismus ist es hoffentlich klar, das rassifizierte Menschen dort nicht immunisiert werden dürfen, auch wenn es da leider andere Stimmen aus der Linken gibt.
Vielleicht ist das mit Klasse und Kapitalismuskritik wirklich Quatsch und der Hauptwiderspruch zwischen „Whiteness“ und Nicht-“Whiteness“, dann brauchen wir uns aber nicht radikal geben, dann können wir ganz im Ernst zu den Grünen gehen.
„Auch Pizza-Revolution am Wiedebachplatz wurde 2018 mit Steinen und weiteren kleinen Schikanen eingedeckt, weil die Mitarbeiter*innen das ungeschriebene Gesetz „Unser Kiez, unsere Regeln“ „missachtet“ hatten, mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne es zu kennen, oder eben zu akzeptieren.“
Damals wurde eine Person von Pizza-Revolution Mitarbeitern bis zur Übergabe an die Polizei festgehalten, weil sie verdächtigt wurde, eine Mülltone angezündet zu haben6. Als wären nicht-migrantische Unternehmer:innen nicht mindestens genauso hart bei einer Tat behandelt geworden. Und zu den letzten vier Worten muss man glaube ich nichts sagen. Das ist eine klare Entsolidarisierung von militanten linken Aktivismus und nicht akzeptabel. Natürlich sollten außerparlamentarische Linke ihre Regeln durchsetzen können, genau daraus besteht ja Aktivismus.
„Gerade wenn er damit verbunden ist, Menschen mit Migrations- und Fluchtbiografie mit allen Mitteln zu verstehen zu geben, dass sie in Connewitz nicht erwünscht sind.“
Erstmal ist eine Frechheit, Migrations- und Fluchtbiografien in einen Topf zu werfen. Es gibt genügend Migranten, welche schlechte Menschen. waren und sind, und Migrant:in zu sein bedeutet nicht, unterdrückt zu sein, sondern ist erst einmal ein Begriff für eine ausgewanderte Person, was vieles bedeuten kann. Auch ein kanadischer CEO, der nach Deutschland zieht, ist ein Migrant.
„Kommunikation, die Reflexion eigener Privilegien und eine Offenheit gegenüber neu hinzukommenden Menschen, die vielleicht eine komplett andere Sozialisation erfahren haben, als die meisten von uns überhaupt denken können, das erwarte ich von Menschen, die für einen linken, offenen Stadtteil stehen wollen.“
Diese Offenheit wird „Kartoffeln aus der Provinz“ oder rechts/konservativ sozialisierten Menschen auch nicht entgegen gebracht. Wie viele Leute sind wohl rechts, konservativ oder sogar Nazis geworden, nur weil das in ihrem familiären, freundschaftlichen, gesellschaftlichen oder Arbeits-Umfeld normal und alternativlos war? Für diese gibt es aber auch keine Empathie, sondern es wird aufgerufen, diese aus der Gesellschaft auszuschließen oder sogar körperlich anzugreifen. Das ist ja auch verständlich, weil wenn man die Sozialisierung jeder Person betrachtet, könnte man gegen niemanden mehr vorgehen und eine Faschisierung der Gesellschaft verhindern. Aber genau deswegen muss auch gegen migrantische Reaktionäre und Unternehmer:innen vorgegangen werden, nicht aus Moral, denn so ist jede:r größtenteils unschuldig, sondern einfach weil es notwendig ist.
Immunisierung von Migrant:innen
Schon, dass nur weil Angriffe universalistisch auch mal auf migrantisch geführte Läden stattfinden, Artikel geschrieben werden, zeigt, dass es den Autor:innen darum geht, Migrant:innen mit allen Mittel gegen allgemeine Gerechtigkeit zu immunisieren.
Es gibt in der deutschen Linken kein Misstrauen gegenüber Migrant:innen, eher im Gegenteil: Es gibt es eine Tendenz zu Doppelstandards, die ganz schnell wieder passieren können, und nicht zu Rassismus. So schriebt die Pirnaer Autonome Linke im Artikel »Kritik am Aufruf zur Kundgebung “Emanzipatorisch gegen Islamismus und Queerfeindlichkeit” in Dresden«7 (Die Demonstration fand aufgrund des islamischen Attentats in auf ein homosexuelles Paar statt und war immerhin ein Schritt in Richtung Universalismus): „[…] wie soll sie es tun, wenn die radikale und zivilgesellschaftliche Linke es nicht einmal schafft, im Gegensatz zu Opfern autochthoner rechter Gewalt, angemessen an die im Namen des Islam Getöteten zu erinnern“ und später „Deshalb hoffen wir, dass spätestens mit der jetzigen Kundgebung die Thematik auch in der Dresdner Linken auf die Agenda gesetzt wird. Doch leider sind wir aufgrund der bisherigen Erfahrungen wenig optimistisch und bezweifeln, dass sich ähnlich viele Menschen wie bei BLM oder im Gedenken an Hanau mobilisieren lassen.“
Noch deutlicher zeigt es Veronica Szimpla in ihrem Text „Sisterhood und Bruderhorde“: “Dass das rechtskonservative Lager die Silvestervorfälle nutzte, um schnellere Abschiebungen oder restriktivere, fremdenfeindliche Einwanderungspolitik zu fordern, schien dessen linken Widersachern Grund genug zu sein, hunderte sexuelle Übergriffe auf Frauen zugunsten einer antirassistischen Ideologie herunterzuspielen und unzulässig mit anders gearteten Taten gleichzusetzen.“8
3 Vgl.: https://www.nordbayern.de/wirtschaft/corona-pleiten-diese-unternehmen-hat-es-schon-getroffen-1.10767071
4 Vgl.: https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-drei-monate-nach-dem-putschversuch-ist-die-tuerkei-ein-anderes-land-1.3201578-3
7 https://pirnaerautonomelinke.wordpress.com/2021/05/20/kritik-am-aufruf-zur-kundgebung-emanzipatorisch-gegen-islamismus-und-queerfeindlichkeit-in-dresden/
8 In Vukadinović , Vojin Saša (Hg.) (2018): Freiheit ist keine Metapher : Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik. Generell sind Doppelstandards das Hauptthema des Buches.
